Dienstag, 27. November 2001

A 1: Globalisierung menschlich gestalten

Beschluss A 1
(Parteivorstand)

Entwicklungspolitik


1. Ziel der Entwicklungspolitik ist es, einen Beitrag zur menschlichen, sozialen und ökologischen Gestaltung der Globalisierung zu leisten sowie in den Partnerländern zur Verbesserung der Lebensbedingungen - vor allem der unter Armut und Unterdrückung leidenden Menschen - beizutragen und entsprechende Eigenanstrengungen von Regierungen, staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, der Privatwirtschaft wie der Zivilgesellschaft zu fördern. Die Entwicklungspolitik muss sich am Leitbild einer menschenwürdigen, demokratischen und friedlichen, wirtschaftlich effizienten und armutsbeseitigenden, sozial gerechten und ökologisch tragfähigen Entwicklung orientieren. Entwicklungspolitik ist ein Gebot der politischen Vernunft, der Solidarität, der Humanität und des wohlverstandenen Eigeninteresses. Sie ist eine positive Investition auch in die eigene Zukunft. Denn relativ reiche Länder werden nicht als Inseln auf Dauer überleben können, wenn sie von Ozeanen der Armut umgeben sind.

2. Der Bundesparteitag begrüßt, dass mit der Neuausrichtung der deutschen Entwicklungspolitik das Gewicht der Entwicklungspolitik auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene gestärkt wurde.

Dabei sind deutliche Erfolge erzielt worden: Die Bundesregierung hat die große Entschuldungsinitiative für die ärmsten Entwicklungsländer auf den Weg gebracht, sie hat die Politik von IWF und Weltbank zugunsten der Armutsbekämpfung verändert, das Konzept der Entwicklungspartnerschaft mit der Wirtschaft aufgebaut und die Öffnung der (europäischen) Märkte für Produkte aus Entwicklungsländern vorangebracht. Sie hat die europäische Entwicklungspolitik strategisch ausgerichtet, ihre bilaterale Entwicklungszusammenarbeit auf Armutsbekämpfung, Klimaschutz und Konfliktprävention konzentriert.

Die Aufgaben der internationalen Politik verlangen aber zusätzliche Anstrengungen. Im Vordergrund stehen dabei sechs zentrale Handlungsfelder, deren Bedeutung für eine Politik der globalen Verantwortung der Bundeskanzler auf dem "Millenniumsgipfel" der Vereinten Nationen im September 2000 in New York hervorgehoben hat. Dort haben sich die Staats- und Regierungschefs darauf festgelegt, die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Damit wird die Armutsbekämpfung zur zentralen Aufgabe der Staatengemeinschaft. Dabei geht es insbesondere um:

Förderung von Sicherheit und Frieden,
Schaffung fairer internationaler Wettbewerbs- und Wirtschaftsbeziehungen,
Schutz von Klima und Umwelt,
Sicherung und Stärkung von Demokratie und Menschenrechten,
Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an den Entwicklungsprozessen,
Überwindung der digitalen Kluft.

I. Frieden stärken - menschliche Sicherheit durch Entwicklung

3. Wer Frieden will, muss Entwicklung fördern. Entwicklungspolitik ist auch Friedenspolitik. Sie ist ein wichtiger Beitrag zur globalen menschlichen Sicherheit in einer Zeit anhaltender und neu ausbrechender Konfrontationen. Die SPD orientiert sich an diesem erweiterten Sicherheitsbegriff und unterstützt die Stärkung von regionaler Kooperation und Integration. Wir wollen einen interkulturellen Dialog entwickeln, der die Elemente umfasst, die in allen Religionen und Völkern an gemeinsamen Werten, Grundhaltungen und Maßstäben vorhanden sind. Wir wollen die vorhandenen Gemeinsamkeiten herausarbeiten und das Engagement für die Menschenrechte stärken.

4. Entwicklungspolitik verfügt über breite Erfahrungen beim Umgang mit Konflikten und deren Ursachen und leistet grundlegende Beiträge zu deren Bewältigung. Konfliktbewältigung muss sich vor allem auf vier Ebenen beziehen:

auf Konfliktprävention insbesondere durch Bekämpfung von Krisenursachen wie Armut, Verfolgung, fehlende politische Partizipation und Raubbau an der Umwelt,

auf Mediation und Deeskalation von Konflikten,

auf die Nachkonfliktbewältigung,

auf die Förderung des interethnischen und interkulturellen Dialogs.

Alle diese Maßnahmen leisten auch einen wichtigen Beitrag dazu, dem internationalen Terrorismus die Unterstützung zu entziehen.

5. Die deutsche internationale Politik muss personell, institutionell und finanziell in der Lage sein, Beiträge zur internationalen zivilen Krisenprävention, zur Konfliktregelung und Friedenskonsolidierung zu leisten. Dabei sollten neue Formen der Zusammenarbeit zwischen staatlichen, nicht-staatlichen, zwischenstaatlichen und multilateralen Akteuren genutzt werden.

6. Instrumente wie der von der Bundesregierung neugeschaffene internationale Zivile Friedensdienst sind wichtig bei der Konfliktbewältigung, sie sollten weiterentwickelt werden. Die Entwicklungspolitik muss als präventives Politikfeld verstärkt auf den Abbau struktureller wirtschaftlicher, sozialer, politischer und ökologischer Konfliktursachen sowie auf die Stärkung von Mechanismen gewaltfreier Konfliktbearbeitung ausgerichtet werden. Die dazu nötigen wissenschaftlichen Analysemöglichkeiten der Friedens- und Konfliktforschung sollten stärker genutzt werden.

7. Mit der Neufassung der Politischen Grundsätze für den Waffenexport hat die Bundesregierung eine restriktive Rüstungsexportpolitik beschlossen. Diese Grundsätze werden begrüßt. Sie sind konsequent anzuwenden. Der jährliche Rüstungsexportbericht, erstmalig von einer SPD-Regierung vorgestellt, muss die Umsetzung dieser Grundsätze deutlich machen.

II. Globalisierung menschlich gestalten - globale Verantwortung durchsetzen

8. Im Grundsatz stellt sich für das 21. Jahrhundert die Frage der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit neu im globalen Maßstab: beides Themen, für deren Lösung die Sozialdemokratie sich in der Geschichte immer mit ihrer ganzen Identität engagiert hat. Es geht um die Frage, ob und wie es gelingt, die Prinzipien des sozialen Rechtsstaats, der national erstritten worden ist, in der globalen Wirtschaft und Gesellschaft zu verankern, ob der Versuch der sozialen Bändigung des globalen Kapitalismus unternommen wird und ob alle Regionen gleichberechtigt in der Gestaltung der Globalisierung beteiligt sind. Wer darauf verzichten würde, wer also alles dem angeblich freien Spiel der Marktkräfte überlassen würde, handelt massiv dem Demokratiegebot zuwider und wird vor allem die bereits bestehende Ungerechtigkeit, die klaffende Lücke zwischen arm und reich weltweit und innergesellschaftlich vergrößern, statt sie zu verringern suchen.

Wir suchen die Zusammenarbeit mit allen, die sich gewaltfrei für die soziale und ökologische Gestaltung der Globalisierung engagieren. Wir wollen ein Reformbündnis zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern und der Zivilgesellschaft, die sich für die gleichen Ziele einsetzen. Dabei sind die Kirchen wie auch die Nichtregierungsorganisationen insgesamt wichtige Partner.

9. Die wirtschaftliche Globalisierung verändert die Welt. Wir wollen die Globalisierung an einer internationalen, sozialen und ökologischen Marktwirtschaft ausrichten, um wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung zu verbinden. Die Globalisierung muss im Sinne der Menschen sozial und ökologisch gestaltet werden. Die Bundesregierung hat der Entwicklungspartnerschaft mit der Wirtschaft einen neuen Stellenwert gegeben. Sie soll in Deutschland Wirtschaftsunternehmen zu einer "Global Partnership" zusammenführen, die entsprechenden Initiativen von Weltbank und Vereinten Nationen unterstützen und ergänzen. Die Globalisierung der Wirtschaft ist durch die Globalisierung von Politik, Demokratie und Rechtstaatlichkeit zu ergänzen.

10. Entwicklungspolitik ist nicht mehr allein lokale, regionale oder nationale Programm- und Projektarbeit, sie muss auch globale Strukturpolitik sein. Die Globalisierung ist - auch im Verbund der EU und ihrer Mitgliedsstaaten - so zu gestalten, dass sie dem Wohl der Menschen dient, dass Armut, Hunger und Krankheit überwunden sowie Umweltschäden verhindert werden. Die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten unternehmen schon heute große Anstrengungen. 55 % der weltweit bereitgestellten Mittel für die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit stammen aus der EU und ihren Mitgliedsstaaten. Es gehört zur Verantwortung Deutschlands, sein Gewicht in Europa und in der Welt für diese Ziele mit aller Kraft einzusetzen und auch die "Rio+10"-Konferenz in Johannesburg im Jahre 2002 dafür zu nutzen.

11. Die SPD unterstützt die Bundesregierung dabei, die internationalen Finanz- und Entwicklungsinstitutionen zu reformieren, damit sie Synergien entwickeln und kohärent agieren können. Im Vordergrund muss die Stärkung der Kompetenzen der Institutionen im Hinblick auf eine sozial akzeptable und ökologisch verträgliche, armutsbeseitigende Entwicklung sowie ihre Rolle im Rahmen der Koordinierung stehen.

12. Die SPD begrüßt, dass sich die Bundesregierung für die Schaffung fairer internationaler Wettbewerbs- und Wirtschaftsbeziehungen und für international verbesserte Chancen der Entwicklungsländer einsetzt. Die demokratische Ausgestaltung der Welthandelsorganisation unter Beteiligung der Entwicklungsländer und unter Einbeziehung sozialer und ökologischer Kriterien bei besserer Transparenz muss gefördert werden.

13. Die SPD fordert die Bundesregierung auf, sich aktiv für die Fortentwicklung der internationalen Finanzarchitektur einzusetzen. Oberste Ziele sind die Verhinderung eines spekulativen "Kasino-Kapitalismus" und die Sicherung stabiler und funktionierender Finanzmärkte als Motor für Wirtschaftswachstum und Beschäftigung. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag auch dafür, dass extremistische Gruppen das internationale Finanzsystem nicht für ihre Zwecke, z.B. die Geldwäsche, missbrauchen können.

III. Armut überwinden - die Schlüsselaufgabe

14. Die wachsende Armut ist ein Schlüsselproblem der internationalen Beziehungen. Armut verletzt die menschliche Würde, behindert die Verwirklichung der Menschenrechte, insbesondere die von Frauen und Kindern, verstärkt das Bevölkerungswachstum, verschärft Flucht und Wanderungsbewegungen und führt zu Umweltschädigungen und Konflikten um lebensnotwendige Ressourcen wie Wasser und Boden. Die Bekämpfung der Armut ist zugleich ein ethischer, politischer, sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Imperativ und zielt darauf ab, die menschliche Sicherheit zu erhöhen durch den Schutz vor chronischen Bedrohungen wie Hunger, Unterdrückung und Krankheit. Deshalb ist die Bekämpfung von Armut überwölbender Schwerpunkt der Entwicklungspolitik auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene.

15. Wie die EU - auf Initiative der Bundesregierung - in ihrer neuen Strategie der Entwicklungspolitik vom Herbst 2000 feststellt, besteht Armut nicht nur im Mangel an finanziellen Mitteln, sondern auch im fehlendem Zugang zu angemessener Arbeit und Beschäftigung, zu Ernährung und Gesundheitseinrichtungen, zu Erziehung und Bildung, zu natürlichen Ressourcen, zu Trinkwasser und Boden, zu Krediten, zu Information und politischer Mitwirkung, zu Dienstleistungen und Infrastruktur. Eine der wesentlichen - jedoch nicht hinreichenden - Bedingungen für Armutsbekämpfung wird in nachhaltigen wirtschaftlichen Wachstum und in Produktivitätssteigerung gesehen. Wir unterstützen diesen multikausalen, die verschiedenen Dimensionen von Armut und Entwicklung berücksichtigenden Ansatz. Um die bis zum Jahre 2015 angestrebte Halbierung des Anteils der in absoluter Armut lebenden Menschen zu erreichen, sind erhebliche zusätzliche und gemeinsame Anstrengungen erforderlich.

16. Dabei spielt die Entwicklungszusammenarbeit und ihre Ausrichtung auf die Armutsbekämpfung eine unverzichtbare Rolle. Der Weg der ständigen qualitativen Verbesserung und der Steigerung der Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit muss konsequent weitergegangen werden. Das Ziel, 0,7 % des Bruttosozialprodukts für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen, muss auch im Rahmen des Zukunftsprogramms der Bundesregierung deutlich werden. Wir unterstützen die Forderung des geschäftsführenden Direktors des Internationalen Währungsfonds und des Weltbankpräsidenten, dieses internationale Ziel auch in Deutschland stufenweise verbindlich umzusetzen und wollen dem durch jährliche Erhöhung der entsprechenden Mittel Rechnung tragen.

17. Die SPD begrüßt die Ausrichtung des nationalen Aktionsprogramms der Bundesregierung zur Armutshalbierung auf das gesamte Ursachengeflecht von Armut und globaler wirtschaftlicher und sozialer Ungerechtigkeit und die Absicht, diesen Ansatz insbesondere auch im multilateralen Bereich durchzusetzen. Dazu gehört, dass die Partnerländer selbst die notwendigen Eigenanstrengungen in Blick auf verantwortungsvolle Regierungs- und Verwaltungsführung, Einhaltung der Menschenrechte, Bekämpfung von Korruption und Terrorismus, Rechtssicherheit, Demokratie und den Aufbau tragfähiger, marktwirtschaftlich orientierter Wirtschaftsstrukturen unternehmen.

18. Armutsbekämpfung und Demokratisierung sind ohne Beteiligung der Zivilgesellschaft nicht denkbar. Deshalb muss Entwicklungszusammenarbeit die Beteiligung der Zivilgesellschaft und von Nichtregierungsorganisationen auch an der Armutsbekämpfung fördern.

19. Frauen sind ein Schlüsselfaktor bei der Überwindung von Armut. Es muss deshalb dafür gesorgt werden, die Teilhabe von Frauen an den Entwicklungsprozessen und den politischen Entscheidungsprozessen zu fördern, ihre kulturell bedingten Diskriminierungen zu beseitigen und ihnen die gleichberechtigte Mitwirkung in der nationalen und internationalen Einflusssphäre zu verschaffen.

20. Um den "rmsten angemessene Chancen zu ihrer eigenen Entwicklung zu ermöglichen, müssen der Zugang zu Krediten und der Ausbau sozialer Grunddienste in den Entwicklungsländern verstärkt werden, insbesondere bei der medizinischen Versorgung, der AIDS-Bekämpfung und der Familienplanung, aber auch durch verbesserten Zugang zu Bildung und Wissenschaft sowie neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Allein für die Bekämpfung von AIDS stellt die Bundesregierung im Jahr 2001 bilateral 140 Millionen DM zur Verfügung.. Hinzu kommen Zusagen für den globalen AIDS-Bekämpfungsfonds von 300 Millionen DM.

Wir begrüßen, dass die Bundesregierung in den Partnerschafts- und Kooperationsländern die auf dem Weltsozialgipfel 1995 empfohlene 20:20-Initiative umsetzen will. Dies verlangt aber auch ein stärkeres Engagement von Seiten der Partnerländer.

21. Im Rahmen der globalen Verantwortung für die Armutsbekämpfung muss die multilaterale Entwicklungszusammenarbeit gestärkt werden. Dazu müssen die Entwicklungsprogramme der bilateralen Geber, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen effizienter und kohärenter ausgerichtet und stärker koordiniert werden. Weltbank und Internationaler Währungsfonds müssen ihre Aktionspläne zur Armutsbekämpfung umsetzen und erweitern. Die Bundesregierung soll sich verstärkt dafür einsetzen, dass die Vereinten Nationen neben ihren sicherheitspolitischen Aufgaben ihre globale Verantwortung für Entwicklung und Umwelt besser wahrnehmen können. Sie sollte insbesondere die vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) entwickelten Vorschläge, mehr in menschliche Entwicklung, Arbeit und soziale Sicherheit zu investieren, weiter fördern.

22. Ohne wirksame Entschuldung der ärmsten Länder kann Armutsbekämpfung nicht erfolgreich sein. Die SPD hat sich für die Umsetzung der internationalen Entschuldungsinitiative für die ärmsten und am höchsten verschuldeten Länder besonders eingesetzt, auch im Bereich der Handelsschulden. Dadurch ist ein Schuldenerlass von 70 Mrd. US-Dollar möglich geworden. Die Bundesrepublik trägt mit mehr als10 Mrd. DM zu diesem Schuldenerlass bei. Diese Initiative muss unter Einbezug der Partnerländer sowie deren eigener Armutsbekämpfung und mit stärkerer Beteiligung der Zivilgesellschaft zügig fortgeführt werden.

23. Zur Armutsbekämpfung gehören auch ein stabiles internationales Finanzsystem mit transparenten Kapitalmärkten, mit Fairness in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen und geöffnete Märkte bei Beachtung von ausreichenden sozialen und ökologischen Normen im Arbeits- und Produktionsbereich.

24. Für die zentralen Ziele einer nachhaltigen, menschenwürdigen Entwicklung und der Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern ist es unabdingbar, dass sämtliche Quellen der Entwicklungsfinanzierung - von der Mobilisierung eigener Mittel in den Entwicklungsländern über private Kapitaltransfers, Handel, Entschuldung bis zur öffentlichen Entwicklungshilfe - zusammen betrachtet und bessere nationale wie internationale Rahmenbedingungen geschaffen werden. Gleichzeitig sollten innovative Finanzierungsmöglichkeiten für Entwicklung, z.B. ein globaler Solidaritätsfonds, der aus Abgaben auf weltweite spekulative kurzfristige Devisentransaktionen gespeist sein könnte, geprüft werden. Eine Devisentransaktionssteuer stellt ein solches Instrument dar, wir werden aber auch andere Vorschläge - z.B. die der Zedillo-Kommission - prüfen. Die SPD erwartet von der Bundesregierung eine geeignete Initiative mit Blick auf die UN-Entwicklungsfinanzierungskonferenz im Jahre 2002.

IV. Keine Entwicklung ohne intakte Umwelt - nachhaltige Nutzung von Ressourcen

25. Eine intakte Umwelt ist elementare Grundlage für eine nachhaltige und menschenwürdige Entwicklung. Die in der Agenda 21 festgelegten Zielsetzungen für den Schutz der Umwelt bleiben auch weiterhin ein Querschnittsziel unserer gesamten Politik. Diese Politik wird getragen von einem breiten Engagement auf allen Ebenen des Bundes, der Länder und der Kommunen, das forciert entwicklungspolitische Maßnahmen zur Umsetzung der Agenda 21, aber auch ein Umdenken in Deutschland anstrebt. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Zentrum für internationale Zusammenarbeit Bonn zu, das durch eine aktive Mitwirkung der Bundesregierung und der Bundesländer gestärkt werden soll.

26. Die SPD fordert zur Umsetzung der auf der UN-Umwelt- und Entwicklungskonferenz in Rio de Janeiro 1992 beschlossenen Aufgaben und Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, weiterhin verstärkte Maßnahmen für die Entfaltung, regenerativer Energien wie der Solarenergie und gegen Umweltgefahren wie Klimaverschmutzung, Trinkwasserknappheit, Bodenzerstörung, Wald- und Ressourcenvernichtung zu ergreifen. Im Sinne der Lokalen Agenda 21 sollen dabei sowohl der Bund als auch die Länder und Kommunen einbezogen und dem Beispiel Nordrhein-Westfalens mit seiner Finanzierung der Öffentlichkeitsarbeit für die Eine Welt gefolgt werden.

27. Die SPD begrüßt die "Millenniumserklärung" der Vereinten Nationen für eine neue Ethik des ökologischen Schutzes und der treuhänderischen Verwaltung und fordert deren Berücksichtigung bei entwicklungs- und umweltpolitischen Maßnahmen. Die in Kyoto 1997 vereinbarten Zielgrößen zur Verringerung der Treibhausgase für die wirksame Bekämpfung der weltweiten Klimaveränderungen sind unerlässlich. Um die internationale Umwelt- und Entwicklungspolitik zu stärken, wird die Bundesregierung aufgerufen, die Einrichtung einer "Erdkommission" nach dem Muster der Brandt-Kommission vorzuschlagen. Der Parteitag erwartet von der Bundesregierung eine entsprechende Initiative auf der "Rio+10"-Konferenz.

28. Neben der Klimaveränderung wird der Trinkwassermangel zu einer zentralen Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Weltweit haben 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ein großer Anteil der Krankheiten in Entwicklungsländern steht in engem Zusammenhang mit verseuchtem Trinkwasser. Angemessene und sichere Wasserversorgung und -entsorgung ist eine Grundvoraussetzung für Entwicklung. Die kommende Wasserkonferenz im Dezember 2001 in Bonn wie auch die "Rio+10"-Konferenz in Johannesburg müssen genutzt werden, entsprechende Ansätze nachhaltiger Wasserbewirtschaftung zu entwickeln und neue Allianzen für deren Umsetzung zu finden.

V. Ohne Menschenrechte hat Entwicklung kein Ziel - ohne Demokratie keinen Halt

29. Die Verwirklichung und Einhaltung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte und die demokratische Beteiligung der Bevölkerung an politischen Prozessen sind notwendige Voraussetzungen für eine zukunftsfähige, nachhaltige Entwicklung. Dazu gehört auch die Durchsetzung der Rechte von Frauen, von Kindern und Minderheiten sowie des Rechts auf Entwicklung. Die Entwicklungspolitik muss verstärkt Maßnahmen fördern, die den Menschen helfen, ihre eigenen Rechte zu wahren, durchzusetzen und demokratisch und rechtsstaatlich zu sichern. Es sollten insbesondere solche Länder gefördert werden, die ihr öffentliches Handeln tatsächlich entwicklungsförderlich ausrichten. Dazu gehören die Schaffung von wirkungsvollen politischen, rechtsstaatlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine sozial und ökologisch verantwortliche Entwicklung, die Beachtung und Förderung von Partizipation, Demokratie und Menschenrechten, die Einleitung von Reformen zur Bekämpfung von Armut, Umweltzerstörung, Korruption und zur Reduzierung hoher Militärausgaben.

30. Die SPD begrüßt, dass die Bundesregierung die Frage der Menschenrechte in der Entwicklungszusammenarbeit und im Politikdialog aufgewertet sowie Kernarbeitsnormen als Kriterien ihrer bilateralen Entwicklungszusammenarbeit aufgenommen hat und sich aktiv an der internationalen Normenbildung beteiligt, ihr Engagement im Rahmen der UN-Menschenrechtskommission verstärkt und sich am Aufbau eines deutschen Menschenrechtsinstituts beteiligt. Es muss den Menschenrechten mehr Berücksichtigung bei der Konzeption und Durchführungspraxis der internationalen Finanz- und Entwicklungsinstitutionen, der Welthandelsorganisation sowie den relevanten Organisationen der Vereinten Nationen gegeben werden. Hierzu sollte sich die Bundesregierung mit den Partnern in der OECD und der EU abstimmen und das Gewicht der EU verstärkt nutzen.

31. Insbesondere durch die Förderung der Zivilgesellschaft wird demokratische Eigenverantwortlichkeit gestärkt. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit soll daher den Auf- und Ausbau von zivilgesellschaftlichen Strukturen unterstützen und die Beteiligung der Frauen und Männer an den grundlegenden Entscheidungen zur Prioritätensetzung und der Umsetzung des eigenen Entwicklungswegs fördern. Die Reform administrativer Strukturen, entwicklungsförderliche Dezentralisierung sowie der Aufbau und die Stabilisierung eines effizienten, grundrechtsorientierten Rechtssystems sind von entscheidender Bedeutung für die Demokratie.

32. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit soll dazu beitragen, die Funktionsfähigkeit staatlichen Handelns im Sinne von gutem Regierungs- und Verwaltungshandeln zu unterstützen. Um die Effizienz und Stabilität demokratischer Prozesse zu sichern, sollten geeignete Maßnahmen zur Schaffung und Stärkung demokratischer politischer, gewerkschaftlicher und parlamentarischer Strukturen gefördert werden. In einer Reihe von Entwicklungsländern wird es darum gehen, zunächst einmal die staatliche Ordnung schlechthin (wieder) herzustellen.

VI. Kommunikation fördern - Beteiligung an der globalen Wissensgesellschaft

33. Die Entwicklungsländer verdienen eine stärkere Unterstützung beim Zugang zu den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Eine Abkoppelung der Menschen in den Entwicklungsländern vom digitalen Lebensnerv der Weltgesellschaft würde ihre Entwicklungschancen weiter verschlechtern. Die Überbrückung der digitalen Kluft ist ein Beitrag zur Überwindung von Unterentwicklung sowie zur Sicherung von Stabilität und Frieden. Wir begrüßen die vom UN-Generalsekretär im Sommer 2000 ins Leben gerufene Initiative zur Überwindung der digitalen Kluft zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern, ebenso wie die Ergebnisse der DOT-Force der G7 . Entwicklungspolitik muss dazu beitragen, dass die Menschen in den Entwicklungsländern verstärkt Zugang zu den digitalen Daten- und Lernbeständen und damit Anschluss an die globale Wissensgesellschaft und deren Ausgestaltung gewinnen. Da die Informations- und Kommunikationstechnologien eine wichtige Grundlage der Globalisierung und der globalen Wissensgesellschaft sind, muss ihnen - auch als Instrumente zur Armutsbekämpfung - eine größere Aufmerksamkeit in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit beigemessen werden.

34. Mit den Informations- und Kommunikationstechnologien finden sich neue Entwicklungschancen für die Gestaltung der Lebensbedingungen der breiten Bevölkerung. Informations- und Kommunikationssysteme erleichtern den Wissenszugang und -umgang, die Krisenprävention und auch die politische Beteiligung von Armutsgruppen und von Institutionen der Zivilgesellschaft. Zudem werden Transaktions- und Informationskosten für Haushalte und Kleinunternehmer generell gesenkt und Chancen des Marktzugangs verbessert.

35. Der Auf- bzw. Ausbau von Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen sollte insbesondere auch durch Partnerschaften mit der Wirtschaft verstärkt gefördert werden. Die SPD will, dass moderne Infrastrukturen wie z.B. dörfliche Internetstützpunkte und Internetcafés auch und gerade den ärmsten Bevölkerungskreisen sowie den Frauen und Jugendlichen zugänglich gemacht werden und zugute kommen. Die Angebote im Bildungsbereich können inhaltlich erweitert und verbessert, mehr Menschen zur Verfügung gestellt und mittelfristig auch kostengünstiger zugänglich gemacht werden.

36. Die Weltbank hat im vergangenen Jahr ein Fern-Lern-Netzwerk mit Lehr- und Lernzentren insbesondere in Entwicklungsländern gegründet. Diese Netzwerk entwickelt und stellt global abrufbare interaktive Lernprogramme zum Themenbereich "Entwicklung" zur Verfügung. Die SPD unterstützt die Initiative zur Errichtung eines nationalen digitalen Zentrums für Entwicklungslernen.

VII. Breite Verankerung der Entwicklungspolitik und Konzentration der politischen Kräfte - eine neue verlässliche Grundlage für Kohärenz

37. Entwicklungspolitik braucht eine breitere Verankerung in der Bevölkerung und in allen gesellschaftlichen Institutionen. Deshalb ist ein verstärktes, unter Kohärenzgesichtspunkten abgestimmtes entwicklungspolitisches Denken und Handeln unerlässlich.

38. Eine der vornehmsten Anstrengungen der Entwicklungspolitik muss es zudem sein, über die eigenen "klassischen" Zuständigkeitsgrenzen hinaus entwicklungspolitisches Denken in anderen Lebensbereichen einzufordern und zu verankern. Dazu ist neben einer Verstärkung der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit auch die Vertiefung des Dialogs der Entwicklungspolitik mit allen Politikbereichen, der Wirtschaft und allen Bereichen der Gesellschaft notwendig. Entwicklungspolitik braucht eine stärkere Sensibilisierung der Entscheidungsträger für entwicklungspolitische Notwendigkeiten. Es geht um eine neue Initiative für entwicklungspolitisches Denken und Handeln weit über den Kreis der jetzigen Akteure hinaus. Die neue Bedeutung der Entwicklungspolitik in einer globalen Welt muss gleichzeitig von einem Diskussionsprozess begleitet werden, der die Unterstützung in der Bevölkerung mobilisiert.

39. Entwicklungspolitik ist eine Querschnittsaufgabe. In ihr bündeln sich zentrale Fragen des Überlebens. Wirkungsvolle gesamtpolitische Kohärenz und Koordination der Zielsetzungen und des Handelns auf nationaler, europäischer und supranationaler Ebene sowie zwischen diesen Ebenen sind Voraussetzung für größere entwicklungspolitische Erfolge. Hierzu sollte eine bessere gesetzliche Verankerung der Entwicklungspolitik angestrebt werden.



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